Rückflug Banyoles November 2017

Mit dem Flieger zurück ins nasskalte Mannheim. Gestern noch am Fernseher die grosse Demonstration der 750.000 in Barcelona verfolgt und die letzten Nachrichten über die Pläne der Parteien für die Wahlen im Dezember gecheckt. Wie es jetzt ausseht, wird es zu keiner einheitlichen Liste alle Unabhängigkeitsbefürworter kommen. Vor allem die ERC hat sich dagegen entschieden. Das eröffnet neue Optionen für die Zeit nach der Wahl, selbst, wenn die Stimmverhältnisse so bleiben wie bisher. Wenn die ERC zur Einsicht gelangt ist, dass eine Unabhängigkeit gegenwärtig nicht durchzusetzen ist, entsteht die Möglichkeit einer Zusammenarbeit oder die Bildung einer Regierung gemeinsam mit den Comunes. Das wäre eine Regierung, die linke Politik in Katalonien umsetzen könnte. Aber noch ist alles blosse Spekulation.

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Ziviler Ungehorsam

Demo am RathausDie Tage nach der Ausrufung des Paragraph 155 und der Absetzung der katalanischen Regierung waren von einer seltsamen Atmosphäre geprägt. Natürlich Empörung, aber auch Unsicherheit, wie es weitergeht, klar, praktisch die ganze Führung ist gekappt, sitzt zum grossen Teil in Untersuchungshaft, der bisherige Apparat, der die Bewegung organisiert hat, ist weggebrochen. Aber schon nach ein paar Tagen hat sich das ganze anscheinend wieder reorganisiert, überall tauchen Plakate auf, die Freiheit für die Politischen Gefangenen fordern, abends um 10 Uhr trommeln die Leute auf ihren Kochtöpfen zum Protest, es geht die Parole um, „für 10 Minuten das Licht ausschalten“ und es ist stockdunkel in den Häusern. Ich kann es aus eigener Anschauung nur aus Banyoles berichten, aber das Fernsehen zeigt permanent Demos in Barcelona, TV3, das katalanische Fernsehen warnt vor Staus, weil Strassen und Bahnlinien besetzt würden, und gibt so Hinweise, wo die Menschen sich hinbegeben sollen, um Strassen und Bahnlinien zu unterbrechen.

Dann heute Generalstreik. Aufgerufen hat eine kleine Gewerkschaft, die grossen halten sich zurück, rufen aber zu Demos am Abend auf. In den kleinen Städten wird der Streik insofern befolgt, als alle Läden und Bars geschlossen haben, in Barcelona konzentrieren sich die Aktionen auf Bahnhöfe und Fernstrassen, der Zugverkehr nach Frankreich und auch der Grenzübergang auf der Autobahn ist den ganzen Tag über unterbrochen.


Abends bin ich auf der Demo am Rathaus. Beeindruckende Zahl von Leuten, auch wenn ich es nicht abschätzen kann, wie viele es sind. Man spürt förmlich die Entschlossenheit der Menschen, sich gegen die Repression der spanischen Regierung zur Wehr zu setzen. Schwer, sich dieser Stimmung zu entziehen. Dabei sind es nach wie vor nur etwa die Hälfte, die für ein unabhängiges Katalonien eintreten.

Man wird sehen, was die Wahl am 21. Dezember bringt. Die Zentralregierung versucht offensichtlich, momentan den Ball flach zu halten. Erstaunlich wenig Polizeigewalt gegen die Provokationen und auch der Versuch, durch einen Wechsel des zuständigen Gerichts, die Untersuchungshaft der katalanischen Regierungsmitgliederaufzuheben.

Umfragen sagen das im Prinzip gleiche Ergebnis wie bisher voraus, also eine knappe Mehrheit an Sitzen für die Unabhängigkeitsbefürworter, aber keine absolute Mehrheit an Stimmen. Was dann passiert, ist gegenwärtig nicht vorherzusagen. Zu schnell ändern sich die Voraussetzungen.

Rückflug Banyoles August 2017

Banyoles verabschiedet mich mit einem Regenschauer. Mit Ryanair nach Baden-Baden. Die Strecke zwischen Baden-Baden und Rastatt ist für den Bahnverkehr immer noch gesperrt, deswegen mit dem Bus nach Rastatt und von dort mit dem ICE nach Mannheim. Hier ist ja auch Wahlkampf, aber ausser den Plakaten und der Wahlbenachrichtigung sprüe ich nicht wirklich was davon.

Stefan Zweig Farewell to Europe

Heute ins Truffaut für Stefan Zweig adios a Europa, wie der Film hier heisst. Stefan Zweig war zu seiner Zeit einer der meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller und auch einer der vielen, die der Nazis wegen emigrieren mussten. Der Film beleuchtet die Jahre dieser Emigration in Argentinien, Brasilien und den USA und die Haltung von Zweig zu den Vorgängen in Nazideutschland. Zweig hat sich ja nie klar dazu geäussert, vielleicht, weil er darin nicht die Aufgabe eines Intellektuellen sah. Eine sehr gute Besetzung macht den Film zu einem Erlebnis.

Der Plan zur Unabhängigkeit

EarthHeute hat das katalanische Regierungsbündnis das erste von zwei Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht, mit Hilfe derer die Unabhängigkeit gestaltet werden soll. Das Gesetz muss noch durch das Parlament gebracht werden, wobei hier vorgesehen ist, dass es in einem vereinfachten Verfahren beraten wird, welches nur eine Lesung und keine Veränderungsmöglichkeiten vorsieht. Ist dies vollzogen, so tritt das Gesetz zum Übergang (La ley de transitoriedad ) automatisch in Kraft, wenn die geplante Abstimmung über die Unabhängigkeit am 1. Oktober mit einem Sieg der Befürworter endet.

Das Gesetz sieht eine Übergangszeit von einem Jahr vor, in dem eine neue Verfassung zunächst diskutiert und dann von einem neugewählten Parlament beschlossen wird. Diese Verfassung soll in einem abschliessenden Referendum noch einmal gebilligt werden.

Für die Übergangszeit hat dieses Gesetz quasi Verfassungsrang und regelt alles, was notwendig ist. Dabei ist vorgesehen, dass bis zur endgültigen Verfassung fast alle bisherigen Gesetze, Verträge (national und international), juristische Verfahren, Behörden  und Dienstleistungen des Staates in Kraft bleiben. Ausnahmen sind diejenigen juristischen Belange, die sich auf Vergehen im Rahmen der Unabhängigkeit beziehen. Diese werden unmittelbar ausser Kraft gesetzt. Ausserdem wird das spanische Verfassungsgericht durch ein katalanisches ersetzt.

Die katalanische Staatsbürgerschaft erhält jede Person, die bisher die spanische Staatsbürgerschaft hatte und bis 2017 in Katalonien lebte. Im Ausland lebende Katalanen (also auch die , die im bisherigen Spanien leben) müssen die Staatsbürgerschaft beantragen, ebenso, wie andere Ausländer. Das Gesetz sieht doppelte Staatsbürgerschaften vor. Zukünftig soll es drei offizielle Sprachen geben, català, okzitanisch und castellano.

Man kann gespannt sein, was passiert, wenn das Gesetz im katalanische Parlament beschlossen wird. Der erste Schritt wird sicher sein, dass es vom spanische Verfassungsgericht unmittelbar als illegal erklärt werden wird. Über die weiteren Reaktionen kann man nur spekulieren. Zu erwarten ist, dass das Gesetz vor dem 11. September beschlossen wird, damit eine sofortige Ausserkraftsetzung durch das Verfassungsgericht mit einer machtvollen Demonstration am 11. September beantwortet werden kann. Es kann auch gut sein, dass beide Gesetze, dieses und das noch ausstehende, das die Volksabstimmung für den 1. Oktober  regeln soll, in einem Durchlauf beschlossen werden.

Es werden spannende Tage.

No tinc por

Manifestacion en BarcelonaHeute mit dem Bus von Banyoles aus nach Barcelona, um an der grossen Demo anlässlich der Attentate teilzunehmen. Die anderen fahren alle nach Ripoll, wo ebenfalls eine Demo stattfindet, aber ich habe mich mit 500.000 anderen für die zentrale Kundgebung entschieden. Der offizielle Start ist 18 Uhr, aber Les comuns trifft sich das bereits vorher, um sich von der Teilnahme der Regierung und des Königs abzugrenzen. Während das zentrale Motto ‚No tinc por‘ (Ich habe keine Angst) ist, versammeln wir uns unter dem Thema ‚ Euer Krieg – Unsere Toten‘. Damit soll deutlich gemacht werden, dass die Linke eine Mitschuld der spanischen Regierung sieht, weil sie sich an den Kriegen beteiligt, die alle unter dem Stichwort  War on terror initiiert wurden und dazu beigetragen haben, dass die Situation nun ist, wie sie ist.

Die Demo soll den Paseo de Gracia entlanggehen, eine der Prachtstrassen Barcelonas, etwa 1,5 km lang und auf dem Placa Catalunya enden. Wir reihen uns auf der Höhe der Calle Aragon ein und haben da schon Schwierigkeiten, auf den Paseo zu kommen, weil alles dicht ist. Den Placa Catalunya werde ich bei dieser Demo nicht mehr sehen, es ist eigentlich keine Laufdemo, sondern eine Stehveranstaltung. Kein Durchkommen, aber das ist ja auch egal.

Die Katalanen haben einfach eine Tradition des Protestes und des Widerstands und das wird hier wieder deutlich. Menschen allen Alters, mit Fahnen und politischen Parolen auf Spruchbändern, die nicht etwa die Überlegenheit des westlichen Lebenstils hervorheben, wie es sonst ja oft betont wurde, sondern auf Zusammenleben, Toleranz und die Mitschuld der spanischen Regierung  an der gegenwärtigen Situation gerichtet sind. Die andere Art von Demo wird auch deutlich an der Entscheidung von Ada Colau, dass nicht Politiker an der Spitze der Demo laufen (man erinnert sich an das Fake Bild mit Angela Merkel an der Spitze der Demo in Paris), sondern die Helfer, Anwohner und Polizisten, die als erste am Ort des Attentats Hilfe geleistet haben.

Insgesamt eine beeindruckende Sache, die die Mühe gelohnt hat. Nach Banyoles zurück am nächsten Morgen, weil es Abends nicht mehr möglich ist, deswegen eine Übernachtung im Hostal Petit Princep für 145 Euro die Nacht.

Banyoles August 2017

Nur kurz nach dem Attentat auf den Ramblas in Barcelona, wieder ein paar Tage in Banyoles, vom 2017-08-23 bis 2017-09-01. Flug für 260 Euro, weil sehr kurzfristig gebucht und auch noch Urlaubszeit.

August ist DER Urlaubsmonat und dementsprechend sind viele Geschäfte zu. Das verändert ein wenig mein Einkaufsverhalten, zumal es nun auch den Feinkostladen in unserem Haus erwischt hat. Schade, aber war abzusehen.

In den Nachrichten und Zeitungen natürlich die Attentate nach wie vor das grosse Thema. In den täglichen Diskussionen spürt man die Erschütterung und auch fremdenfeindliche Kommentare nehmen zu, wenn auch weniger als eigentlich zu erwarten war. Zu  bemerken auch der Stolz der Independendistas, die Krise so entschlossen gemeistert zu haben, ihrer Ansicht nach ein Beweis dafür, dass Katalonien als Staat funktionieren kann.

Die Attentäter stammen aus Ripoll, einer kleinen Stadt am Fusse der Pyrenäen. Sie waren, wie man hört, eigentlich gut integriert, im örtlichen Fussballverein, katalanischsprachig und so weiter. Das muss sich innerhalb von wenigen Monaten durch den Einfluss des örtlichen Imam drastisch geändert haben. Das Problem scheint zu sein, dass diese Imame selbst oft keine Verbindung in die spanische Gesellschaft hinein haben, die Landessprache nicht sprechen und praktisch in einer Parallelwelt leben, die weder von den muslimischen Gemeinden, die sie angestellt haben noch von der spanischen Gesellschaft so wahrgenommen wird. Dann noch die Finanzierung und die Indoktrination von extrem konservativen Staaten wie Saudi Arabien und fertig ist das Problem. Hier geht jetzt die Diskussion los, dass man die Ausbildung von Imamen (die es bisher eigentlich nicht gibt, jeder kann das quasi voraussetzungslos werden) fördert und kontrolliert, um so zu gewährleisten, dass ein ‚moderner‘ Islam verbreitet wird. Andere legen den Schwerpunkt darauf, dass man damit aufhören solle, Geschäfte mit Staaten zu machen, die den Terror finanzieren und ideologisch unterfüttern. Mal sehen, was übrig bleibt, wenn sich der Rauch gelegt hat.

Wegen meiner kleinen Wadenoperation ist wieder nichts mit Fahrradfahren, aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. halte mich solange anders fit. Die Temperaturen sind nach wie vor hoch, die indigene Bevölkerung stöhnt ob der Hitze, die regelmässig über 30 Grad beträgt. Genau die richtige Temperatur für cafe con hielo.